Rückblick: Einmal quer durchs Getreide-Universum
5 Veranstaltungen mit über 15 Speaker:innen, über 100 Teilnehmer:innen aus der Kornwelt und über 30 Stunden in den Backstuben, auf Getreidefeldern oder in der Kornkammer: Bei back.kulturen kommt viel Wissen, Erfahrung und unterschiedliche Perspektiven zusammen. Hier fassen wir hier die wichtigsten Erkenntnisse zusammen und machen das geballte back.kulturen Wissen verfügbar.
Arbeitskultur, Handwerk, Haltung – neuer Alltag im Ofenbetrieb
brotique, Stuttgart (Baden-Württemberg)
25.01.2026, 11-17 Uhr
Klick dich durch die Bilder (credits: Christoph Marx)
Das Bäckereihandwerk arbeitet heute unter enormem Druck: steigende Kosten, knappe Kalkulation, wenig Personal, wenig Nachwuchs – und gleichzeitig Kund:innen, die Qualität wollen, aber selten den Preis dahinter verstehen. Wirklich gutes Brot bedeutet aber mehr als eine rösche Kruste und weiche Krume, z.B. gesunde Böden, natürliche Rohstoffe, attraktive Arbeitsplätze. Aber wie sieht eine Bäckerei aus, in der Menschen gerne arbeiten und – und die trotzdem stabil wirtschaftet, ohne an Qualität zu verlieren?
Zum Auftakt von back.kulturen öffnete die Brotique ihre Türen zu Fragen rund um eine attraktive Arbeitskultur. Neben einer Tour durch die Backstube, sprachen wir mit Sophie und Julius Henne von der Brotique, Günther Weber, schwäbisches Bäcker-Urgestein vom Loretto-Hof und Korbinian Schuster vom Brotraum, woran sie sich in ihrer Arbeit orientieren, welche Entscheidungen im Betriebsalltag den Unterschied machen, ob ein Team bleibt oder ausbrennt, ob der Betrieb wirtschaftlich trägt oder permanent am Limit ist.
Learnings & Tools zu Arbeitskultur, Haltung, Handwerk
Im Bäckereialltag gibt es immer wieder Situationen, in denen wirtschaftliche und qualitative Entscheidungen auseinandergehen. Besonders dann zeigt sich, wofür ein Betrieb steht und wie ernst er seine Grundsätze nimmt. Viele dieser Entscheidungen passieren nicht nur im Großen, sondern auch im Kleinen. Wer hier konsequent handelt, zahlt manchmal drauf, baut aber langfristig Vertrauen auf, indem Qualität über kurzfristigen Umsatz gestellt wird. Wichtig ist dabei, Entscheidungen klar im Team und an die Kund:innen zu kommunizieren.
„Bei uns ist vor kurzem die Kühlung ausgefallen. Da war dann Schinken drin und du denkst dir: Oh Gott, jetzt muss ich das alles wegschmeißen. Das tut so weh. Und ich bin mir sicher, dass es viele Betriebe gibt, die das dann nicht machen.“
Die Qualität eines Brotes beginnt lange vor dem Backen: bei der Auswahl der Zutaten und den Beziehungen zu den Menschen, die sie produzieren. Viele handwerkliche Bäckereien arbeiten bewusst eng mit Mühlen, Landwirt:innen oder Molkereien zusammen und entscheiden sich gezielt für bestimmte Produzent:innen. bieten Zertifizierungen zwar Orientierung, lösen aber nicht alle Fragen. Gerade kleinere Betriebe müssen oft abwägen zwischen Zertifizierungssystemen und der Zusammenarbeit mit Produzent:innen, deren Qualität sie persönlich kennen und schätzen.
„Die Frage der Rohstoffe ist für uns nicht nur eine Einkaufsfrage. Sie bestimmt eigentlich den ganzen Betrieb, von der Zusammenarbeit mit Landwirt:innen und Mühlen bis zu den Rezepturen in der Backstube. Bei Rohstoffen kann man nicht einfach sagen: Dann nehme ich halt ein anderes Mehl. Wenn du mit bestimmten Getreiden oder bestimmten Mühlen arbeitest, hat das direkte Auswirkungen auf Teigführung, Rezepturen und das Brot am Ende. Deshalb ist das für uns eine zentrale Frage.“
Begriffe wie „Bio“, „frisch“ oder „Sauerteig“ werden heute auch von Industrie und Discountern verwendet und verlieren dadurch an Bedeutung. Umso wichtiger wird es für handwerkliche Bäckereien, ihre Arbeitsweise sichtbar zu machen und zu erklären. Wenn Kund:innen verstehen, wie Brot entsteht, entwickeln sie oft ein ganz anderes Verständnis für Prozesse, Eigenheiten oder auch kleine Fehler.
„Ich weiß nicht, wie oft ich meinen Holzofen erklärt habe – einfach um zu zeigen, worum es da geht. Die Leute waren begeistert. Die haben sich wochenlang nicht darüber geärgert, dass sie beim Baguette immer den schwarzen Boden abschneiden mussten.“
Gute Zusammenarbeit entsteht nicht von allein, sondern durch klare Strukturen im Betrieb, die aktiv geschaffen und gehalten werden. Dafür sind regelmäßige und feste Formate für Austausch hilfreich. Gerade im stressigen Bäckereialltag, in dem für Gespräche oft wenig Zeit bleibt. Gemeinsame Mittagessen, die aus einer Solawi-Kiste gekocht werden oder jährliche Feedbackgespräche helfen dabei, Probleme früh zu bemerken, Arbeitsprozesse zu verbessern und Mitarbeitende stärker einzubinden.
„Wir haben jetzt zum ersten Mal alle Jahresgespräche durch. Und ich finde, so im Gespräch bleiben ist eigentlich sehr wichtig, dass ich mit jedem auch mal in einer ruhigen Minute Zeit habe zu sprechen. Da kommt schon sehr viel rüber, was ich im Alltag gar nicht mitbekomme.Dann höre ich: Was ist gut, was ist schlecht? Und damit kann ich wieder arbeiten.“
Genossenschaftlich, gemeinschaftsgetragen, kollektiv? Bäckereimodelle neu gedacht
Bäckerslüüd, Eutin (Schleswig-Holstein)
15.03.2026, 11-17 Uhr
Klick dich durch die Bilder (credits: Leif Utes)
Nachwuchs fehlt, Verantwortung lastet oft auf wenigen Schultern und klassische Eigentumsmodelle geraten an ihre Grenzen. Für viele handwerkliche Betriebe stellt sich die Frage: Wie organisieren wir uns? Welches Modell passt zu uns? Viele Bäckereien in Deutschland haben ihre Organisationsstruktur um- bzw. neu gedacht: als handwerkliche Genossenschafts-Bäckerei, als gemeinschaftsgetragene Bäckerei, als Kollektiv. Sie zeigen, wie Organisationsmodelle neu gedacht werden können. Weg von hierarchischen Strukturen, hin zu geteilter Verantwortung und Prozessen, die Mitbestimmung ernst nehmen.
Mitte März haben wir bei den Bäckerslüüd hinter die Kulissen geschaut und aus erster Hand erfahren, wie sie die Umstrukturierung von der klassischen Eigentumsbäckerei zur handwerklichen Genossenschaftsbäckerei meistern. Im Gespräch mit Christina Weiß (Brotkumpels, Hamburg) und Sarah Werner (Ge:Bäck, Leipzig) sprachen wir über echte Alternativen zu klassischen Wirtschaftsformen und Eigentumsmodellen im Bäckereiwesen und wie das in der Realität wirklich funktioniert. Mit allen Vor- und Nachteilen.
Learnings & Tools zu neuen Bäckereimodellen
Modelle wie Brot-Abos, Mitgliedschaften oder feste Abholstationen funktionieren nur, wenn Kund:innen verstehen, wie sie funktionieren. Das bedeutet deutlich mehr Kommunikation als im klassischen Ladenverkauf. Wer so arbeitet, muss sein Konzept regelmäßig und gut erklären, sei es im Laden, online oder bei Veranstaltungen. Viele Kund:innen entscheiden sich bewusst dafür, weil sie das Modell unterstützen wollen.
„Der Kommunikationsaufwand ist deutlich höher als in einer klassischen Ladenbäckerei, weil wir erstmal erklären müssen, warum sich die Leute überhaupt anmelden sollen. Für viele ist nicht nur das Produkt entscheidend, sondern auch das Konzept dahinter, nämlich dass sie mit ihrer Mitgliedschaft eine bestimmte Art zu wirtschaften unterstützen.“
Vorbestellungen, feste Abholzeiten, Teilhabe oder Mitgliedschaften sind für Kund:innen zunächst aufwendiger als ein Filialbäcker mit durchgehend vollem Sortiment. Trotzdem funktionieren solche Modelle, wenn das Brot überzeugt. Viele Kund:innen nehmen zusätzliche Organisation bewusst in Kauf. Auch wenn eine Anmeldung zunächst wie eine Hürde wirkt, empfinden viele Kund:innen solche Modelle später als Erleichterung. Das Brot ist jede Woche eingeplant und muss nicht mehr spontan besorgt werden. Gleichzeitig wird die Produktion für die Bäckerei planbarer. Die anfängliche Verpflichtung kann so für beide Seiten Vorteile bringen.
„Alle paar Wochen frage ich mich: Warum machen die Leute das eigentlich? Es gibt überall Filialisten, wo man von morgens bis abends Brot kaufen kann und die Regale abends noch voll sind. Man muss sich nicht anmelden und auch nicht zu bestimmten Zeiten kommen. Aber die Brotqualität scheint so zu sein, dass die Leute diese Hürden in Kauf nehmen.“
Viele kleine Betriebe sichern ihre Wirtschaftlichkeit über den eigenen Arbeitseinsatz. Inhaber:innen passen ihr Gehalt so an, dass der Betrieb zumindest nicht ins Minus rutscht. Rechnet man die Arbeitsstunden um, bleibt der Stundenlohn häufig überschaubar. Entscheidend ist daher, Abläufe und Arbeitszeiten so zu gestalten, dass der Betrieb langfristig tragfähig bleibt.
„Ich zahle mir mein Gehalt selbst und kann es so anpassen, dass am Ende zumindest ein positives Ergebnis bleibt. Aber wenn ich das auf meine Arbeitsstunden herunterrechne und mir dann die Mindestlohndiskussion anhöre, ist der Abstand gar nicht mehr so groß.“
Viele Vorschriften im Bäckereialltag von unkonventionellen Modellen betreffen weniger die Arbeit und Organisation selbst als deren Dokumentation. Sicherheitsunterweisungen, Hygienebelehrungen oder Geräteprüfungen müssen regelmäßig protokolliert werden. In der Praxis bedeutet das zusätzlichen Aufwand neben der eigentlichen Backarbeit. Besonders mit Mitarbeitenden wächst dieser administrative Teil schnell.
„Eigentlich muss ich jedes Jahr allen Mitarbeitenden sagen: Messer sind scharf, du kannst dich daran schneiden. Und dann müssen das alle unterschreiben. Und das ist ja nur ein Punkt: heißes Fett ist heiß, der Ofen ist heiß, die Brotschneidemaschine ist gefährlich und so weiter. Eigentlich müssen alle jedes Jahr alles neu unterschreiben. Dieser ganze Dokumentations-Rattenschwanz dahinter ist enorm. Da könnte jemand Vollzeit nur daran arbeiten, und ich bin mir nicht sicher, ob dadurch am Ende wirklich ein einziger Arbeitsunfall verhindert wird.“
Viele alternative Modelle wirken auf den ersten Blick komplizierter als der klassische Ladenverkauf: Kund:innen müssen sich anmelden, feste Abholzeiten einhalten oder Brotanteile buchen. Für den Betrieb kann das aber ein großer Vorteil sein. Vorbestellungen oder Mitgliedschaften machen die Nachfrage deutlich besser planbar und reduzieren Unsicherheit im Alltag. Statt jeden Tag auf spontane Verkäufe angewiesen zu sein, weiß der Betrieb bereits im Voraus, wie viel Brot gebraucht wird.
„Für uns ist wichtig, dass wir so wirtschaften, dass am Ende im Jahr etwas übrig bleibt – nicht um Gewinne auszuschütten, sondern damit wir reinvestieren können. Wenn zu viel übrig bleibt, heißt das eigentlich, dass wir entweder zu teuer waren oder höhere Gehälter hätten zahlen können. Unser Ziel ist, über die Jahre ein Modell zu finden, das wirtschaftlich stabil ist und gleichzeitig faire Löhne ermöglicht.“
